Bei einer Eurokrise 2.0 wären die Möglichkeiten der Europäischen Zentralbank unter Christine Lagarde beschränkt. Europa nähert sich immer stärker einem wirtschaftlichen Horrorszenario. Hinter der Währungsentwicklung stehen vor allem düstere Einschätzungen zur Wirtschaftsentwicklung in Europa, vor allem auch für Deutschland.

Für den Pessimismus gibt es gute Gründe

Die Euro-Zone leidet aktuell an einer Inflation, wie es sie seit Bestehen der Währungsunion noch nie gegeben hat. Laut einer ersten Schätzung der Statistikbehörde Eurostat vom 1. Juli ist sie für alle Euro-Länder im Juni innert Jahresfrist bereits auf 8,6 Prozent angestiegen. In Deutschland, der größten Volkswirtschaft Europas, beträgt sie gemäß der gleichen Schätzung 8,2 Prozent.

Die hohe Teuerung in Europa belastet die Kaufkraft des Geldes und kommt damit faktisch einer drastischen Lohnreduktion gleich. Das wiederum belastet den Konsum. Das zeigt sich bereits im freien Fall des Konsumentenvertrauens, wie es von der Europäischen Kommission gemessen wird. Die künftige finanzielle Situation schätzen die Konsumentinnen und Konsumenten gemäß dieser Erhebung so schlecht ein wie seit neun Jahren, nach dem Höhepunkt der Euro-Krise, nicht mehr.

Die drohende Energieknappheit

Der deutsche Vizekanzler, Wirtschafts- und Energieminister Robert Habeck kann die Bürgerinnen und Bürger nicht mehr beruhigen. Am Mittwoch erklärte er öffentlich, dass angesichts der sich verschärfenden Energieknappheit im Zuge des Krieges in der Ukraine eine Rezession möglich wird. Damit bringt er nur zum Ausdruck, wovor Ökonominnen und Ökonomen schon seit längerem warnen. Auch hier sieht das Bild in anderen Euro-Ländern ähnlich aus.

Eine Gasrationierung werde schwerwiegende Auswirkungen auf die EU-Wirtschaft haben, urteilt das Beratungsunternehmen Oxford Economics in einer neuen Forschungs-Note. Eine Gasrationierung in diesem Winter in jenen europäischen Volkswirtschaften, die am stärksten von Russland abhängig sind, sei sehr wahrscheinlich. Die Folge: Ein Wirtschaftseinbruch gemessen am Bruttoinlandprodukt im Ausmaß von 1,5 bis 4 Prozent sei möglich. Bei einem gänzlichen Ausfall von russischen Gaslieferungen werden noch viel drastischere Szenarien herumgereicht.

Die für Deutschland sehr wichtige Gasversorgung – die dort auch für die Erzeugung von Strom benötigt wird – wurde durch Russland bereits seit Mitte Juni um rund 60 Prozent reduziert. Wirtschaftsinstitute befürchten bei einem Gasstopp einen Wirtschaftseinbruch von 6 bis 12 Prozent, was selbst die Corona-Krise in den Schatten stellen würde. Die hohen Energiepreise zeigen sich auch daran, dass Deutschland im Mai zum ersten Mal seit 1991 ein Außenhandelsdefizit verzeichnet hat. Hauptverantwortlich dafür sind drastisch höhere Preise für Importe – vor allem Energieimporte.

Ein Horrorszenario für Wirtschaft und Gesellschaft

Das käme einem Horrorszenario für die Wirtschaft und die Gesellschaft gleich, weil es so nicht gelingt, die Speicher für den Winter ausreichend zu füllen. Schon am 23. Juni hat Deutschland deshalb die «Alarmstufe des Notfallplans Gas» ausgerufen. Bleiben die gewohnten Rohstofflieferungen ganz aus, müssten Fabriken ihre Produktion massiv herunterfahren oder ganz schließen. Ebenso gravierend wären die Folgen für Privathaushalte: Das Motto wäre frieren statt heizen im Winter.

Die Knappheit beim Gas zeigt sich bereits an explodierenden Preisen für die Energieträger, eine Entwicklung, die schon vor der russischen Invasion in die Ukraine eingesetzt hat, dadurch aber drastisch verschärft wurde. Die Gaspreise sind laut einer Berechnung der UBS aktuell zehnmal so hoch wie vor der Corona-Krise, und die Preise für Elektrizität neunmal so hoch.

Wichtiger Hinweis: Bei dem verfassten Text handelt es sich um die Meinung des Autors. Er stellt weder eine Kauf- bzw. Verkaufsempfehlung oder eine Beratung dar. Beratungen können immer nur persönlich geschehen. Wenn Sie eine Beratung wünschen, nutzen Sie bitte eine der Kontaktmöglichkeiten.